anima Winter 2002/03

Tierrechtsstrategien

Vom Tierrechtskongreß im September in Wien

Wie bereits berichtet, wurden neben Vorträgen, Diskussionsrunden , Filmen, in rund 30 Arbeitskreisen tierrechtsrelevante Themen praxisorientiert behandelt, mit der Zielrichtung wie kommt man in den einzelnen Gebieten am effektivsten weiter. Zwei bis vier aktiv Tätige gaben jeweils kurze Impulsreferate, denen sich eine Diskussion anschloß. Im folgenden bringen wir den Referatsbeitrag Erwin Laupperts als Vertreter unserer Zeitschrift in einer der Arbeitsgruppen für "Tierrechts-Strategien". Es handelt sich hier nicht um ein ausgear-beitetes Referat sondern lose hingestreute Gedanken, die Anregungen zur Diskussion geben sollen.

Tierechtsstategien

Da ich hier als Exponent der anima genannt bin, zuvor zu dieser Zeitschrift eine Kurzinformation. Die anima wurde 1985 von jungen im Bereich der Vegetarier Union angesiedelten Leuten gegründet, jetzt wird sie, wie das so geht, vorwie-gend von ein paar Alten getragen. Me-dieninhaber der spartanisch ausgestatte-ten (© Andrea Dee) Amateur-Vierteljahresschrift ist die ÖVU. Das spartanische ist einerseits Absicht - wich-tig ist u. M. der Inhalt nicht das Layout, andrerseits hätten wir auch kein Geld für modischen Firlefanz. Die Zeitung ist einmal natürlich übliches Vereinsorgan, das über Interessantes im vegetarischen Bereich berichten will, eigentliches Zielpublikum sind jedoch (hoffentlich-nicht-mehr-lange-) Noch-nicht-Vegetarierer. Eine Zeitschrift nur zur Selbstbeweihräucherung "Was sind wir toll, daß wir Vegetarier, daß wir Veganer sind", wäre unnötiger Aufwand. Daneben will das Blatt Diskussionsforum für in der Tierschutz- und Tierrechtsszene strittige oder unter die Decke gekehrte Themen sein.

In der Szene und vor allem in der Tier-schutz-Geldwerbung gibt es faktisch viel Tier-Rassismus. Uns liegen grundsätzlich alle Tiere am Herzen, nicht nur der Wolf, auch das Schaf, nicht nur der Kampfstier, dem es verhältnismäßig gut geht , auch der Maststier, nicht nur das Reh, das art-gerechtest gehaltene Nutztier, nicht nur die Streunerhunde draußen in der Welt, auch die Nutrias in Graz, die niemand mag. Nach diesem Nutria-Plädoyer, die sind nämlich bald am Verhungern (in der Zwischenzeit hat sich deren finanzielle Situation dank Beiträge des Wiener Tierschutzvereins etwas gebessert, sie brauchen aber immer noch Geld) - jetzt zum Thema, TR-Strategien.

Eine Nebenbemerkung: Ich halte die in Tierrechtskreisen übliche Unterscheidung zwischen Tierschutz und Tierrechten ür sprachlich nicht optimal, denn Schutz impliziert in der Regel Rechte. Wir haben ein Mutterschutzgesetz, ein Dienstnehmer-schutzgesetz, nicht weil Mütter und Dienstnehmer keine Rechte haben, son-dern weil sie als Schwache zur Wahrung ihrer Rechte besonderen Schutzes bedürfen. Doch das ist mehr ein Streit um Worte.

Unlängst aß ich einen Pfirsich, er war köstlich, nur - nahe am Kern bäumte sich ein Wurm. Dem hatte ich den Lebensraum weggegessen. Das kleine Beispiel zeigt die Dimensionen des Problems. Wir kön-nen Tiere auch indirekt umbringen, durch unsere Zivilisation. Und wir müssen, wol-len wir realistisch bleiben, die Begriffe Tiere und Rechte einschränken.

Vorerst eine Bestandaufnahme. Ein paar Tierrechte sind bereits gesetzlich festge-schrieben, in den diversen Tierschutzge-setzen, sie sind bekannt. Sie kranken al-lerdings wie ebenfalls bekannt daran, daß es keine subjektiven d.h. von den in ihren Rechten Verletzten bzw. ihren Vertretern verfolgbaren Rechte sind.

Der zweite wunde Punkt, die mangelhafte Überwachung. Wenn der Peppi die Mitzi prügelt, kann die zur Polizei laufen. Der geprügelte Hund oder das im Brühkessel schreiende Schwein können das nicht...
Anm.:Amtstierärzte, denen zu dem noch eine private tierärztliche Erwerbstätigkeit gestattet ist - meiner Ansicht ein grober Mißstand - reichen nicht.

Daher: Das erste strategische Ziel Festigung der bereits bestehenden Tierrechte.

a) zum einen durch Einrichtung von Tier-vertretern , die die Rechte vor Gerichten und anderen Behörden mit Parteistellung geltend machen können, ob Tieranwalt, beauftragte Vereine oder eine andere rechtliche Konstruktion. Eine bereits im Volksbegehren vor sieben Jahren erhobene Forderung.

b) Mehr Überwachungsorgane, angesichts der staatlichen Budgetsituation private entsprechend ausgebildete (Vereins) Organe mit hoheitlichen Befugnissen (analog z.B. Jagd- und Forstschutzorganen)

Da mit Anwalt und Überwachungsorganen nicht Rechte sondern nur Unrechte beeinträchtigt werden, sollten diese Forderun-gen durchsetzbar sein.

Wenn wir von Tierrechten sprechen, denken wir natürlich an den analogen Begriff Menschenrechte, d.h. die grundlegenden Rechte, die Grund- und Freiheitsrechte.

Das stimmt nicht unbedingt hoffnungsfroh. Die Menschenrechte, seit einem Vierteljahrtausend im Gespräch, seit ein bis zwei Jahrhunderten teilweise Norm, in der Praxis mit Füßen getreten, das 19.Jahrhundert die Hochzeit des Imperia-lismus und Rassismus, der Arbeiteraus-beutung, das 20. auf weite Strecken nicht viel besser, eher schlechter, Kolonialismus bis heute, Völkermorde zu Hauf, die Erin-nerung an einen in kultische Höhen hoch-stilisiert, andere bewußtem Vergessen anheimgegeben, Die Mächtigsten der Er-de, mit bürgerlichen Maßstäben gemes-sen, häufig mehr Massenmörder als Men-schenrechtler. Und außerdem: Die wirtschaftliche Macht und damit faktisch auch die politische weitgehend in der Hand großer Konzerne.

Und in diesem Umfeld fordert ein kleines Häuflein Tierrechte.

Dazu noch zweierlei: Die Mächtigen haben die Menschenrechte kaum je freiwillig ge-währt, sondern nur nach Kampf oder aus Angst um ihr Leben, aufgrund schlechter Erfahrungen in diversen Revolutionen. Und: Wir Tierrechtler würden vergeblich rufen, Wacht auf Verdammte dieser Erde, und auch der weitere Text der Internatio-nale Es rettet uns kein höheres Wesen , uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun hilft in Bezug auf die Tiere nicht. Die Tiere kann nur der Mensch, ob höheres Wesen oder nicht, retten.

Welche Mittel haben wir in diesem unglei-chen Kampf: philosophische Einsicht, reli-giöse Überzeugung, schlichtes Mitleid (nicht wenige Bäuerinnen weinten, wenn eines ihrer Kälber zum Schlachten geführt wurde), wirtschaftliche Vernunft.

Was können wir erreichen? Die fünf Frei-heiten des Brambell-Reports, aufstehen, sich umdrehen, sich kratzen können..., wahrscheinlich. Das grundlegende Recht, das auf Leben für alle Tiere wohl kaum.

Darum: Befreien wir uns von der Alles- oder-Nichts-Mentalität. Fordert der eine erfüllbare Verbesserungen für Menschen-affen, kommt garantiert ein zweiter , und ruft: Und was ist mit den armen Reptilien und Fischen?. Theoretisch richtig, in der Praxis bedeutet es, daß nichts geschieht und Affen und Fische leer ausgehen. Seit 25 Jahren höre ich die Debatten zwischen den radikalen Tierversuchsgegnern und den Wissenschaftlern und sie laufen schon hundert Jahre länger. Ändern tut sich fast nichts.

Nehmen wir uns ein Beispiel an der Gewerkschaftbewegung. die hat nicht auf absolute Gerechtigkeit gedrungen, son-dern jede sich für eine Gruppe bietende Möglichkeit ergriffen. Es gibt Abstufungen der Freiheit . Besser ein Höriger als ein Sklave. Auch wenn man gegen das Kreuzigen ist, kann man dem, der am Kreuz am Verdursten ist, einen nassen Schwamm reichen.

Konzentrieren wir uns auf Erreichbares:

· Personenstatus für die Menschenaffen.

· Bessere Haltungsbedingungen für die Versuchstiere. Je höher die Haltungskosten, umso weniger Versuche.

· Das gleiche gilt für die Nutztiere.

· Schaffen wir Tierhaltungen mit bes-serem Standard. Das ist zwar mühsam aber es geht. Wir haben beispielsweise von Graz aus vor ca. 15 Jahren das Freilandei mit hohem Tierschutzstandard in die Lebensmittelmärkte g-bracht, gegen den Widerstand der Bauernkammer und den faktischen Widerstand einzelner Tierschutzvereine. Da gäbe es manches zu tun. Übrigens auch beim Freilandei, es ist tier-schutzmäßig ein bißchen heruntergekommen.

· Fördern wir Alternativprodukte, Erzeu-gung und Aufnahme in die Geschäfte. Das kann jeder einzelne in seinem unmittelbaren Umfeld tun. Man muß nur lästig werden und manchmal Stüt-zungskäufe tätigen

. · Suchen wir Bundesgenossen, bevor wir in den Krieg ziehen. Das tun sogar die mächtigen Amerikaner. Wenn nur fünf Leute statt 50 vor den rauhen Zirkusmenschen demonstrieren, ist es wahrscheinlicher, daß sie verprügelt werden, außerdem macht es einen schlechten Eindruck. Es müßte z.B. möglich sein, auch andere als Tierrechtler gegen das Prügeln von Elefanten zu motivieren.

Solange wir Bundesgenossen nach Parteibuch und Religionszugehörigkeit selek-tieren, werden wir, fürchte ich, nicht weit kommen.

Peter Singer hat ein Buch geschrieben über Henry Spira und die Tierrechtsbewegung, ein Lehrbuch für die Kampagnen-führung. Lesen Sie es.

Zum Schluß noch eine Randbemerkung.
Recht kann Schutz bedeuten, es kann aber auch Mittel der Unterdrückung sein. Die wirtschaftlich Mächtigen versuchen, die Tierfreunde auch mit den Mitteln des geltenden Rechts niederzuzwingen, nicht ohne Erfolg, siehe die Grazer Pelzprozesse.

Adolf Hitler brauchte noch Gestapo und KZ, um Meinungen zu unterdrücken, heute genügt scheint es, manchmal das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb Vor einigen Jahren versuchte ich, in der Tierbewegung Interesse für Gegenstrategien, auch auf gesetzgeberischen Gebiet zu wecken, stieß jedoch auf keine Reso-nanz. Man sollte sich mit dem Thema doch befassen.

Solidarität unter den Tierfreunden ist gefragt. E.L.



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