Vom Tierrechtskongreß im September in Wien
Wie bereits berichtet, wurden neben Vorträgen, Diskussionsrunden ,
Filmen, in rund 30 Arbeitskreisen tierrechtsrelevante Themen praxisorientiert
behandelt, mit der Zielrichtung wie kommt man in den einzelnen Gebieten am
effektivsten weiter. Zwei bis vier aktiv Tätige gaben jeweils kurze
Impulsreferate, denen sich eine Diskussion anschloß. Im folgenden bringen
wir den Referatsbeitrag Erwin Laupperts als Vertreter unserer Zeitschrift in
einer der Arbeitsgruppen für "Tierrechts-Strategien". Es
handelt sich hier nicht um ein ausgear-beitetes Referat sondern lose
hingestreute Gedanken, die Anregungen zur Diskussion geben sollen.
Tierechtsstategien
Da
ich hier als Exponent der anima genannt bin, zuvor zu dieser Zeitschrift
eine Kurzinformation. Die anima wurde 1985 von jungen im Bereich der
Vegetarier Union angesiedelten Leuten gegründet, jetzt wird sie, wie das so
geht, vorwie-gend von ein paar Alten getragen. Me-dieninhaber der spartanisch
ausgestatte-ten (© Andrea Dee) Amateur-Vierteljahresschrift ist die ÖVU.
Das spartanische ist einerseits Absicht - wich-tig ist u. M. der Inhalt nicht
das Layout, andrerseits hätten wir auch kein Geld für modischen
Firlefanz. Die Zeitung ist einmal natürlich übliches Vereinsorgan,
das über Interessantes im vegetarischen Bereich berichten will,
eigentliches Zielpublikum sind jedoch (hoffentlich-nicht-mehr-lange-)
Noch-nicht-Vegetarierer. Eine Zeitschrift nur zur Selbstbeweihräucherung "Was
sind wir toll, daß wir Vegetarier, daß wir Veganer sind", wäre
unnötiger Aufwand. Daneben will das Blatt Diskussionsforum für in der
Tierschutz- und Tierrechtsszene strittige oder unter die Decke gekehrte Themen
sein.
In der Szene und vor allem in der Tier-schutz-Geldwerbung gibt es
faktisch viel Tier-Rassismus. Uns liegen grundsätzlich alle Tiere am
Herzen, nicht nur der Wolf, auch das Schaf, nicht nur der Kampfstier, dem es
verhältnismäßig gut geht , auch der Maststier, nicht nur das
Reh, das art-gerechtest gehaltene Nutztier, nicht nur die Streunerhunde draußen
in der Welt, auch die Nutrias in Graz, die niemand mag. Nach diesem Nutria-Plädoyer,
die sind nämlich bald am Verhungern (in der Zwischenzeit hat sich deren
finanzielle Situation dank Beiträge des Wiener Tierschutzvereins etwas
gebessert, sie brauchen aber immer noch Geld) - jetzt zum Thema, TR-Strategien.
Eine Nebenbemerkung: Ich halte die in Tierrechtskreisen übliche
Unterscheidung zwischen Tierschutz und Tierrechten ür sprachlich nicht
optimal, denn Schutz impliziert in der Regel Rechte. Wir haben ein
Mutterschutzgesetz, ein Dienstnehmer-schutzgesetz, nicht weil Mütter und
Dienstnehmer keine Rechte haben, son-dern weil sie als Schwache zur Wahrung
ihrer Rechte besonderen Schutzes bedürfen. Doch das ist mehr ein Streit um
Worte.
Unlängst aß ich einen Pfirsich, er war köstlich,
nur - nahe am Kern bäumte sich ein Wurm. Dem hatte ich den Lebensraum
weggegessen. Das kleine Beispiel zeigt die Dimensionen des Problems. Wir kön-nen
Tiere auch indirekt umbringen, durch unsere Zivilisation. Und wir müssen,
wol-len wir realistisch bleiben, die Begriffe Tiere und Rechte einschränken.
Vorerst eine Bestandaufnahme. Ein paar Tierrechte sind bereits
gesetzlich festge-schrieben, in den diversen Tierschutzge-setzen, sie sind
bekannt. Sie kranken al-lerdings wie ebenfalls bekannt daran, daß es keine
subjektiven d.h. von den in ihren Rechten Verletzten bzw. ihren Vertretern
verfolgbaren Rechte sind.
Der zweite wunde Punkt, die mangelhafte Überwachung. Wenn der
Peppi die Mitzi prügelt, kann die zur Polizei laufen. Der geprügelte
Hund oder das im Brühkessel schreiende Schwein können das nicht...
Anm.:Amtstierärzte, denen zu dem noch eine private tierärztliche
Erwerbstätigkeit gestattet ist - meiner Ansicht ein grober Mißstand -
reichen nicht.
Daher: Das erste strategische Ziel Festigung der bereits
bestehenden Tierrechte.
a) zum einen durch Einrichtung von
Tier-vertretern , die die Rechte vor Gerichten und anderen Behörden mit
Parteistellung geltend machen können, ob Tieranwalt, beauftragte Vereine
oder eine andere rechtliche Konstruktion. Eine bereits im Volksbegehren vor
sieben Jahren erhobene Forderung.
b) Mehr Überwachungsorgane, angesichts der staatlichen
Budgetsituation private entsprechend ausgebildete (Vereins) Organe mit
hoheitlichen Befugnissen (analog z.B. Jagd- und Forstschutzorganen)
Da mit Anwalt und Überwachungsorganen nicht Rechte sondern nur Unrechte
beeinträchtigt werden, sollten diese Forderun-gen durchsetzbar sein.
Wenn wir von Tierrechten sprechen, denken wir natürlich an den
analogen Begriff Menschenrechte, d.h. die grundlegenden Rechte, die Grund- und
Freiheitsrechte.
Das stimmt nicht unbedingt hoffnungsfroh. Die Menschenrechte, seit
einem Vierteljahrtausend im Gespräch, seit ein bis zwei Jahrhunderten
teilweise Norm, in der Praxis mit Füßen getreten, das 19.Jahrhundert
die Hochzeit des Imperia-lismus und Rassismus, der Arbeiteraus-beutung, das 20.
auf weite Strecken nicht viel besser, eher schlechter, Kolonialismus bis heute,
Völkermorde zu Hauf, die Erin-nerung an einen in kultische Höhen
hoch-stilisiert, andere bewußtem Vergessen anheimgegeben, Die Mächtigsten
der Er-de, mit bürgerlichen Maßstäben gemes-sen, häufig
mehr Massenmörder als Men-schenrechtler. Und außerdem: Die
wirtschaftliche Macht und damit faktisch auch die politische weitgehend in der
Hand großer Konzerne.
Und in diesem Umfeld fordert ein kleines
Häuflein Tierrechte.
Dazu noch zweierlei: Die Mächtigen haben die Menschenrechte kaum
je freiwillig ge-währt, sondern nur nach Kampf oder aus Angst um ihr Leben,
aufgrund schlechter Erfahrungen in diversen Revolutionen. Und: Wir Tierrechtler
würden vergeblich rufen, Wacht auf Verdammte dieser Erde, und auch der
weitere Text der Internatio-nale Es rettet uns kein höheres Wesen , uns aus
dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun hilft in Bezug auf
die Tiere nicht. Die Tiere kann nur der Mensch, ob höheres Wesen oder
nicht, retten.
Welche Mittel haben wir in diesem unglei-chen Kampf:
philosophische Einsicht, reli-giöse Überzeugung, schlichtes Mitleid
(nicht wenige Bäuerinnen weinten, wenn eines ihrer Kälber zum
Schlachten geführt wurde), wirtschaftliche Vernunft.
Was können
wir erreichen? Die fünf Frei-heiten des Brambell-Reports, aufstehen, sich
umdrehen, sich kratzen können..., wahrscheinlich. Das grundlegende Recht,
das auf Leben für alle Tiere wohl kaum.
Darum: Befreien wir uns von der Alles- oder-Nichts-Mentalität.
Fordert der eine erfüllbare Verbesserungen für Menschen-affen, kommt
garantiert ein zweiter , und ruft: Und was ist mit den armen Reptilien und
Fischen?. Theoretisch richtig, in der Praxis bedeutet es, daß nichts
geschieht und Affen und Fische leer ausgehen. Seit 25 Jahren höre ich die
Debatten zwischen den radikalen Tierversuchsgegnern und den Wissenschaftlern und
sie laufen schon hundert Jahre länger. Ändern tut sich fast nichts.
Nehmen wir uns ein Beispiel an der Gewerkschaftbewegung. die hat nicht auf
absolute Gerechtigkeit gedrungen, son-dern jede sich für eine Gruppe
bietende Möglichkeit ergriffen. Es gibt Abstufungen der Freiheit . Besser
ein Höriger als ein Sklave. Auch wenn man gegen das Kreuzigen ist, kann man
dem, der am Kreuz am Verdursten ist, einen nassen Schwamm reichen.
Konzentrieren wir uns auf Erreichbares:
·
Personenstatus für die Menschenaffen.
· Bessere Haltungsbedingungen für die Versuchstiere. Je höher
die Haltungskosten, umso weniger Versuche.
· Das gleiche gilt für
die Nutztiere.
· Schaffen wir Tierhaltungen mit bes-serem Standard. Das ist zwar mühsam
aber es geht. Wir haben beispielsweise von Graz aus vor ca. 15 Jahren das
Freilandei mit hohem Tierschutzstandard in die Lebensmittelmärkte g-bracht,
gegen den Widerstand der Bauernkammer und den faktischen Widerstand einzelner
Tierschutzvereine. Da gäbe es manches zu tun. Übrigens auch beim
Freilandei, es ist tier-schutzmäßig ein bißchen
heruntergekommen.
· Fördern wir Alternativprodukte,
Erzeu-gung und Aufnahme in die Geschäfte. Das kann jeder einzelne in seinem
unmittelbaren Umfeld tun. Man muß nur lästig werden und manchmal Stüt-zungskäufe
tätigen
. · Suchen wir Bundesgenossen, bevor wir in den Krieg
ziehen. Das tun sogar die mächtigen Amerikaner. Wenn nur fünf Leute
statt 50 vor den rauhen Zirkusmenschen demonstrieren, ist es wahrscheinlicher,
daß sie verprügelt werden, außerdem macht es einen schlechten
Eindruck. Es müßte z.B. möglich sein, auch andere als
Tierrechtler gegen das Prügeln von Elefanten zu motivieren.
Solange
wir Bundesgenossen nach Parteibuch und Religionszugehörigkeit selek-tieren,
werden wir, fürchte ich, nicht weit kommen.
Peter Singer hat ein
Buch geschrieben über Henry Spira und die Tierrechtsbewegung, ein Lehrbuch
für die Kampagnen-führung. Lesen Sie es.
Zum Schluß noch eine Randbemerkung.
Recht kann Schutz bedeuten, es kann aber auch Mittel der Unterdrückung
sein. Die wirtschaftlich Mächtigen versuchen, die Tierfreunde auch mit den
Mitteln des geltenden Rechts niederzuzwingen, nicht ohne Erfolg, siehe die
Grazer Pelzprozesse.
Adolf Hitler brauchte noch Gestapo und KZ, um Meinungen zu unterdrücken,
heute genügt scheint es, manchmal das Gesetz gegen den unlauteren
Wettbewerb Vor einigen Jahren versuchte ich, in der Tierbewegung Interesse für
Gegenstrategien, auch auf gesetzgeberischen Gebiet zu wecken, stieß jedoch
auf keine Reso-nanz. Man sollte sich mit dem Thema doch befassen.
Solidarität unter den Tierfreunden ist gefragt. E.L.
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