Zwetschgen und Terror
In seinen Geschichten aus der Waldheimat erzählt Peter Rosegger, wie
er sein erstes "Trinkgeld" als Schneiderlehrling anlegte. Für
zwei Kreuzer "wurden Zwetschgen gekauft. Die nahm mir der Blaser Hansel
hernach weg, und zwar aus zwei gewichtigen Gründen: erstens, weil er die
Zwetschgen haben wollte und zweitens, weil er stärker war als ich."
Von der Terrorfront nichts Neues. Nach wie vor - weil wir Hanseln eben stärker
sind - der traditionelle brutale Alltagsterror gegen Hühner, Schweine, Kälber
und andere Nutztiere, gegen Versuchstiere. Dazu nach wie vor vorgeschobene
Massentötungen, um die aus dem oder jenem Anlaß aus dem Lot geratene
hochsubven-tionierte überdimensionierte Vieh- und Landwirtschaftsindustrie
wieder auf gleich zu bringen.
Ein makabrer Trost: es geht auch vielen
Menschen nicht anders. Ach wie rosig schien die Zukunft vor einem halben
Jahrhundert, 1945 als die Nazi-Mordmaschinerie zerschlagen war. Seither sind so
rund 500 Millionen Menschen an Hunger oder dessen Folgen gestorben, unzählige
Millionen in Machtkämpfen, hinter denen häufig Großmächte
standen, getötet worden, Völkermorde zu Hauf.
Zurück zu den Tieren. Die Aktivisten der sogenannten ALF (animal
liberation front) eine Vereinigung, die es vermutlich gar nicht gibt, unter
deren Namen halt alle Gewaltakte, die empörte Einzeltäter be-gehen,
zusammengefaßt werden, reagie-ren seit langem vor allem im
angloameri-kanischen und nordischen Raum mit Aktionen, die allerdings angesichts
der Fi-nanzkraft der großen in Tierausbeutung involvierten Konzerne eher
kleinen Nadel-stichen ähneln und höchstens für den ei-nen oder
anderen Familienbetrieb exi-stenzgefährdend sein können. Österreich
blieb - abgesehen von ein paar Farbbeuteln gegen Pelzgeschäfte und Uhu
gegen deren Schlösser vor zehn oder zwanzig Jahren - weitgehend friedlich.
Neuerdings, so unlängst ein österreichisches Wochenmagazin unter dem
Titel "Terror, Tod und Tierliebe", setzten sich vor dem Hintergrund
des 11.September und der Ermordung Pim Fortuins auch die österreichischen
Behörden verstärkt mit der militanten Tierschutzszene auseinander. "Bei
den Anschlägen im Jahr 2000 - sagt der Staatsschutzbericht - waren erstmals
Personen und Tiere Gefahren ausgesetzt." Die Zeitung spricht von rund 100
Aktionen (Farbbeutel inbegriffen) von etwa 100 bis 500 österreichischen
Tierschutzmilitionären.
Nun sind die Meinungen, was Terror ist, ja bekanntlich geteilt. Der
11.9. erweckte in dem Viertel der Welt, der in Amerika den Hort der Freiheit
sieht, Entsetzen und Empörung, im zweiten Viertel Freude oder Genugtuung:
endlich habe einmal der Staat, dem sie vorwerfen, im Bomben-schmeißen naziähnlich
selbst nicht zim-perlich zu sein und Hunderttausende, wenn nicht Millionen meist
Unschuldiger zu Tode gebracht zu haben, das einmal am eigenen Leibe verspüren
müssen. Der Rest blieb gleichgültig. Die, wie es so treffend heißt,
herrschende Meinung hier-zulande hält bekanntlich diejenigen, die sich vom
Hansel ihre paar oder alle sieben Zwetschgen nicht wegnehmen lassen wollen, für
bösartige Terroristen.
Wir äußerten immer schon die
Befürchtung, Terrorakte brächten nichts als mehr Polizeistaat. Die
USA,. die Gegner ins Quasi-KZ sperren und sogar eigene Bürger gerichtsfrei
in "Schutzhaft" nehmen, und die neue Antiterrorgesetzgebung bestätigen
diese Angst.
Wäre der Peterl, hätte er den Zwetschgenräuber
gekratzt, ein Terrorist gewesen? Die Frage bleibt, da er es nicht getan hat,
offen. Uns bleibt Freude, daß er so unbeschädigt blieb und in seinem
Leben noch viel Gutes tun konnte für Mensch und Tier.
Erwin Lauppert - anima 2-2002
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